Die doppelte Revolution. Der Nordosten von Massachusetts - und hier insbesondere das Hinterland, das Greater Merrimack Valley - ist aus zwei Gründen sehr geschichtsträchtig: Zum einen fielen hier 1775 die ersten Schüsse im Kampf der amerikanischen Rebellen gegen die britischen Kolonialherren. Und zum anderen steht die Region stellvertretend für die industrielle Revolution in den USA.
Nach den wütenden Protesten der Bostoner Bürger gegen die britischen Steuererhöhungen eskalierte die Lage: Die Briten verstärkten ihre Militärpräsenz und entsandten Mitte April 1775 Truppen nach Lexington und Concord, um die Aufrührer Samuel Adams und John Hancock festzunehmen und die Waffen der Kolonisten zu beschlagnahmen. Zwei Bostoner Patrioten, Paul Revere und William Dawes, ritten durch die Nacht, um die Kolonisten vor den nahenden britischen Truppen zu warnen - am nächsten Morgen begann der amerikanische Unabhängigkeitskrieg.
An die Ereignisse vor weit über 200 Jahren erinnert heute der Minute Man National Historical Park - Minute Men nannten sich die Männer der Miliz, die innerhalb einer Minute kampfbereit sein sollte. Neben einem sehr informativen Besucherzentrum besichtigt man in den beiden hübschen Städtchen direkt am Westrand von Boston Teile des Schlachtfelds, Gebäude aus der Revolutionszeit und die North Bridge, wo der "Schuss, der auf der ganzen Welt gehört wurde", fiel - eine in den USA gebräuchliche Redewendung, die auf die "Concord Hymn" des bekannten Dichters Ralph Waldo Emerson zurückgeht. Denn 19. Jahrhundert entwickelte sich Concord zum literarischen Zentrum der USA - mehr dazu unter Sehenswürdigkeiten.
Steinerne Zeugen des Textilbooms
Spannende Industriegeschichte ist das, was Lowell auszeichnet: Als die Stadt, Mitte des 19. Jahrhunderts ein Zentrum der industriellen Revolution in den USA, in den 1970er Jahren durch den Niedergang der Textilindustrie am Boden lag, entschied man sich kurzerhand, praktisch die ganze 70.000-Einwohner-Stadt zum Lowell National Historical Park zu erklären. Die beeindruckenden Zeugen der Textilindustrie - Gebäude, Verkehrswege und Siedlungen - prägen nachhaltig das Stadtbild und sind nun zum Teil als Museen zu besichtigen.
Neuerdings ist diese Zeitreise in die Blütezeit der Textilfabriken, die mit der Wasserkraft des Merrimack River betrieben wurden, nicht nur zu Lande, sondern auch auf dem Wasser möglich: Erstmals seit 1901 wurde vor kurzem der 1797 eröffnete Pawtucket Canal nach Investitionen von über 30 Mill. Euro wieder für geführte Touren, die Locks to Locks Canal Tours, freigegeben. Mit dem Ausflugsboot geht es vom Francis Park Gate durch die Swamp-Schleuse bis in die Innenstadt von Lowell - wobei sich andeutet, warum die Stadt auch als Amerikas Venedig bezeichnet wird. Und ein weiterer Beleg dafür, wie attraktiv Geschichte für Urlauber sein kann, wenn man sie nur richtig aufbereitet und präsentiert.
Das nasse Element
Angesichts allerlei "revolutionärer" Attraktionen sollte man einen Aspekt der Geschichte nicht vernachlässigen: Wie die anderen Küstenregionen des Bay State auch ist der Nordosten stets durch seine Nähe zum Meer geprägt worden. Bestes Beispiel dafür ist Gloucester, Entstehungsort eines speziellen Segelschifftyps, des Gaffelschoners, und 1991 Schauplatz eines ungewöhnlich starken Sturms, der später als "The Perfect Storm" Literatur- und Filmgeschichte schrieb. Am Stacy Boulevard erinnert die Bronzestatue des Gloucester Fisherman an die angeblich über 10.000 Seeleute, die in den ersten 300 Jahren der 1623 begonnenen Stadtgeschichte ihr Leben auf See ließen.
Ganz im Norden, in Newburyport, werden im 1793 gegründeten Lowell's Boat Shop von der dortigen Maritime Society bis heute Boote in traditioneller Weise gebaut. Weiter südlich, in Salem, widmen sich das Peabody Essex Museum und die Salem Maritime National Historic Site, ein Freiluftmuseum aus alten Werften und Lagerhallen, der langen Seefahrergeschichte der Stadt, die einst einer der wichtigsten Häfen Neuenglands war. Auch Leuchttürme wie die in Beverly, Gloucester, Marblehead, Newport, Rockport und Salem sind anschauliche Beispiele dafür, wie die Küstenbewohner versuchten, die Naturgewalten zu beherrschen. Architektonisch reizvoll und malerisch gelegen, sind die zum Teil über 200 Jahre alten steinernen Wächter heutzutage beliebte Fotomotive und Ziele von Ausflügen - am besten per Boot. Einige von ihnen können nach Anmeldung besichtigt werden - ein Dutzend Beispiele finden Sie hier.

